Der Mechanismus

Warum die Superreichen alles aufkaufen müssen

Ein grosses Vermögen wirft jedes Jahr mehr ab, als ein Mensch ausgeben kann. Dieses Geld muss irgendwohin. Es fliesst in Immobilien, Aktien und Land und treibt deren Preise immer weiter nach oben.

Stell dir ein Vermögen von einer Milliarde vor. Bei einer ganz normalen Rendite wirft es jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge ab. Selbst mit mehreren Häusern, Yachten und einem aufwendigen Leben ist es unmöglich, diese Summen zu verkonsumieren. Der allergrösste Teil bleibt übrig und muss wieder angelegt werden.

Hier beginnt der Mechanismus, den der frühere Citibank-Händler Gary Stevenson zu seiner zentralen These gemacht hat. Wer sehr viel besitzt, gibt davon nur einen winzigen Anteil aus. Der Rest wandert zwingend zurück in Vermögenswerte, in Wohnungen, in Firmenanteile, in Boden. Nicht aus Gier, sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt, so viel Geld zu lagern.

Die Zahlen sind eindeutig: Zwischen 1987 und 2024 wuchs das reale Vermögen der Milliardäre um rund 7,1 Prozent pro Jahr, das Durchschnittsvermögen pro erwachsener Person nur um 1,8 Prozent. Weil das Vermögen an der Spitze schneller wächst als die Wirtschaft und schneller als die Löhne, wird der Geldberg, der jedes Jahr neu angelegt werden muss, immer grösser. Die Zahl der Häuser, Aktien und Grundstücke wächst aber nicht im gleichen Tempo. Mehr Geld jagt einer begrenzten Menge an Vermögenswerten nach.

Die Folge: steigende Preise, sinkende Chancen

Wenn immer mehr Kapital auf dieselben Vermögenswerte drängt, steigen deren Preise. Das ist kein Zufall und kein vorübergehender Boom, sondern die direkte Folge der Konzentration. Für die Besitzenden ist das angenehm: Ihre Anlagen werden mehr wert, und der Gewinn muss im nächsten Jahr erneut investiert werden. Der Kreislauf verstärkt sich selbst.

Für dich bedeutet derselbe Mechanismus, dass Wohnungen, Häuser und Aktien sich von deinem Lohn entfernen. Du konkurrierst beim Hauskauf nicht mehr nur mit anderen Familien, sondern mit Kapital, das angelegt werden muss und dem der Preis fast egal ist. Wie weit Vermögen und Löhne in der Schweiz auseinanderliegen, zeigt der Abschnitt zur Verteilung.

Das Verhältnis von Vermögenspreisen zu Löhnen verschlechtert sich, bis Wohneigentum für arbeitende Menschen unerreichbar wird und vor allem ererbtem Vermögen vorbehalten bleibt.

Sinngemäss Gary Stevenson, Gary’s Economics
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Die Kanäle

Wie dein Geld nach oben fliesst

Der Vermögenstransfer von der arbeitenden Gesellschaft zu den Besitzenden ist kein einzelner Diebstahl, sondern ein ständiges Rinnsal durch viele Kanäle: Arbeit, Konsum, Mieten, Zinsen, Steuern und Staatsschulden.

Gary Stevenson beschreibt einen langfristigen, systemischen Transfer von Vermögen weg von der Mittelschicht und weg vom Staat, hin zu einer kleinen, superreichen Elite. Dieser Transfer läuft nicht über eine grosse Tat, sondern über den Alltag. Jeden Monat fliesst ein kleiner Teil deines Einkommens an jene, denen die Vermögenswerte gehören.

Arbeit

Du verkaufst deine Zeit gegen Lohn. Ein Teil der Wertschöpfung, die du erzeugst, bleibt als Gewinn beim Eigentümer des Unternehmens. Das ist normaler Kapitalismus. Zum Problem wird es, wenn die Löhne langsamer wachsen als Gewinne und Vermögen, denn dann verschiebt sich Jahr für Jahr ein grösserer Anteil des Kuchens zu den Besitzenden.

Miete und Konsum

Wer kein Eigentum hat, mietet es von denen, die es besitzen. Miete ist der direkteste Kanal: Ein fixer Teil deines Lohns geht jeden Monat an einen Vermögensbesitzer und macht ihn reicher, damit er noch mehr kaufen kann. Auch im Konsum steckt dieser Fluss, denn in jedem Preis ist die Rendite enthalten, die das eingesetzte Kapital abwirft.

Zinsen und Staatsschulden

Der am meisten übersehene Kanal sind die Staatsschulden. Wenn der Staat sich verschuldet, statt grosse Vermögen zu besteuern, leiht er sich das Geld bei genau jenen, die es im Überfluss haben. Aus deinen Steuern zahlt der Staat dann Zinsen an die Reichen. Stevenson nennt die Zunahme der Staatsschuld deshalb oft schlicht das, was sie wirtschaftlich bedeutet: Die Reichen werden reicher, auf Rechnung der Allgemeinheit.

In der Schweiz lässt sich der private Teil dieses Flusses beziffern. Ein Arbeiterhaushalt bezieht nur rund 2,6 Prozent seines Einkommens aus Vermögen und Vermietung, beim obersten Fünftel sind es rund 6,9 Prozent, die ganz ohne Arbeit zufliessen. Wohin die fehlenden Mittel im Staatshaushalt führen, zeigt der Rechner.

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Das politische Problem

Warum Ungleichheit die Demokratie aushöhlt

In einer Demokratie hat jeder Mensch eine Stimme. Wenn sich aber Vermögen in immer weniger Händen sammelt, sammelt sich mit ihm die Macht. Geld kauft Einfluss auf Politik, Medien und öffentliche Debatte.

Vermögen ist nie nur Geld. Es ist die Fähigkeit, auf die Welt einzuwirken. Wer sehr viel besitzt, kann Parteien und Kampagnen finanzieren, Zeitungen und Plattformen kaufen, Lobbyisten beschäftigen und ganze Debatten in die gewünschte Richtung lenken. Je grösser die Vermögen, desto grösser dieser Hebel.

Gabriel Zucman bringt es auf einen einfachen Punkt: Extreme Vermögenskonzentration bedeutet extreme Machtkonzentration. Progressive Besteuerung ist der Mechanismus, mit dem Demokratien verhindern, dass aus wirtschaftlicher Übermacht eine dauerhafte Herrschaft weniger wird.

Die Kanäle der Einflussnahme

Der Einfluss läuft über mehrere Wege gleichzeitig: über Lobbying, das Gesetze in die eigene Richtung biegt; über den Besitz von Medien, der bestimmt, worüber gesprochen wird; und über grosse Plattformen, die festlegen, was Millionen Menschen täglich sehen. Wo wenige diese Hebel kontrollieren, zählt ihre Stimme faktisch mehr als deine.

Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Wenn Menschen erleben, dass ein wirtschaftliches System die Mehrheit im Stich lässt und nur die Spitze bedient, schwindet das Vertrauen in die Institutionen. Diese Enttäuschung ist ein Nährboden für autoritäre und populistische Bewegungen, die einfache Schuldige anbieten, statt die eigentliche Ursache zu benennen.

Wo wirtschaftliche Systeme die meisten Menschen im Stich lassen, erodiert das Vertrauen, und der Weg zum Autoritarismus öffnet sich.

Social Europe

Eine verpflichtende Steuer auf sehr grosse Vermögen ist deshalb auch eine demokratische Schutzmassnahme. Sie hält die Machtkonzentration in Schach und finanziert den Staat aus jenen Mitteln, die sich an der Spitze ohnehin im Überfluss ansammeln.

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Die soziale Folge

Warum Ungleichheit die Kriminalität anheizt

Je weiter eine Gesellschaft auseinanderdriftet, desto mehr Gewalt und Diebstahl entstehen in ihr. Der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Kriminalität ist gut belegt, und in seine Mühlen geraten vor allem jene, die unten stehen.

In der Schweiz ist die Kriminalität zuletzt deutlich gestiegen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik zählte 2024 rund 563 600 Straftaten gegen das Strafgesetzbuch, 7,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Vermögensdelikte legten zum dritten Mal in Folge zu, um rund 8 Prozent, und sind der Haupttreiber. Auch die Gewaltstraftaten nahmen weiter zu, um 3,3 Prozent, und die schweren Gewaltstraftaten erreichten den höchsten Wert seit 2009.

Dass mehr Ungleichheit mehr Kriminalität bedeutet, ist keine Vermutung, sondern eine der am besten untersuchten Beziehungen der Kriminologie. Die Verbindung von Ungleichheit und Tötungsdelikten ist in bis zu 40 Studien gezeigt worden; zwischen Ländern unterscheiden sich die Mordraten um das Fünffache, je nachdem wie ungleich die Einkommen verteilt sind.

Den kausalen Kern hat eine Weltbank-Studie von Pablo Fajnzylber, Daniel Lederman und Norman Loayza herausgearbeitet. Sie werteten Tötungs- und Raubraten über viele Länder und Jahre aus und kamen zum Schluss, dass steigende Einkommensungleichheit die Kriminalitätsraten erhöht, und dieser Befund hält selbst dann, wenn man andere Ursachen herausrechnet. Entscheidend ist die Ungleichheit, nicht die blosse Höhe des Durchschnittseinkommens: Ein reiches Land mit grossen Abständen ist gefährdeter als ein ärmeres, in dem die Abstände klein sind.

Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt ein Rechenbeispiel von The Equality Trust. Würde ein Land seine Ungleichheit vom spanischen auf das tiefere kanadische Niveau senken, fielen rund 20 Prozent der Tötungsdelikte und rund 23 Prozent der Raubdelikte weg. Weniger Ungleichheit ist damit auch Kriminalprävention, und zwar oft wirksamer als eine Massnahme, die erst beim fertigen Täter ansetzt.

Gewalt und Diebstahl folgen verschiedenen Spuren

Die Wirkung fällt je nach Delikt verschieden aus, deshalb lohnt die Unterscheidung. Am deutlichsten hängen Eigentumsdelikte und ein Teil der Gewaltdelikte, nämlich Tötung, Mord und Raub, mit steigender Ungleichheit zusammen; bei anderen Gewalttaten wie Körperverletzung oder Vergewaltigung ist der Zusammenhang weniger eindeutig. Wo wenige fast alles besitzen und vielen die Aussicht auf ein gutes Auskommen fehlt, wächst zuerst der Diebstahl, denn wer wenig hat und wenig erwarten darf, greift eher nach dem Eigentum anderer.

Bei der Gewalt wirkt ein zweiter Mechanismus. In stark geschichteten Gesellschaften entscheidet der Rang über fast alles, und Gewalt entzündet sich oft daran, dass Menschen sich herabgesehen, missachtet oder blossgestellt fühlen. Je grösser die Abstände zwischen oben und unten, desto schärfer der Kampf um Status und desto eher schlägt eine Kränkung in Gewalt um.

Gewalt ist in ungleicheren Gesellschaften häufiger, weil sie sich oft daran entzündet, dass Menschen sich herabgesehen und missachtet fühlen.

Sinngemäss The Equality Trust

Wer in die Mühlen gerät

Die Statistik der Verurteilten und Gefangenen ist eindeutig: Die meisten Mehrfachtäter stammen aus benachteiligten Verhältnissen. In einer Untersuchung von Per-Olof Wikström und Kyle Treiber kamen 70,4 Prozent der hartnäckigen Täter aus solchen Verhältnissen. Daraus folgt aber nicht, dass Armut kriminell macht, denn umgekehrt wurden 93 Prozent der benachteiligten Jugendlichen gar nie zu Mehrfachtätern. Nicht die Armut treibt in die Kriminalität, sondern die Bedingungen, die grosse Ungleichheit schafft: fehlende Perspektiven, das Gefühl, abgehängt zu sein, und ein Alltag, in dem das nächste Geld knapp ist.

Daraus ergibt sich der Punkt, um den es hier geht. Die Kriminalität, die in den Statistiken sichtbar wird, ist zu einem grossen Teil Eigentums- und Beschaffungskriminalität, und in sie geraten vor allem jene, die wenig haben und wenig erwarten dürfen. Das ist kein Argument gegen die Armen, sondern eines gegen die Ungleichheit, die solche Verhältnisse erst schafft. Wer die Kriminalität senken will, setzt deshalb besser bei den Abständen an als allein bei der Polizei. Wie stark sich Vermögen in der Schweiz konzentriert, zeigt der Abschnitt zur Verteilung; warum eine Vermögenssteuer hier ansetzt, steht im Abschnitt zur Lösung.

Die Steuerlücke

Warum Besitz weniger Steuern zahlt als Arbeit

Auf dem Papier ist das Steuersystem progressiv: Wer mehr hat, zahlt mehr. An der äussersten Spitze kehrt sich das um. Gemessen an ihrem echten wirtschaftlichen Einkommen zahlen die Allerreichsten anteilig weniger als eine Angestellte.

Der Trick liegt nicht im Betrug, sondern in der Definition von Einkommen. Dein Lohn wird jedes Jahr voll besteuert, bevor er auf deinem Konto landet. Das Vermögen eines Milliardärs wächst dagegen vor allem dadurch, dass seine Aktien und Firmen mehr wert werden. Dieser Wertzuwachs ist sein eigentliches Einkommen, taucht aber in keiner Steuererklärung als Einkommen auf, solange er nicht verkauft.

Wer nicht verkaufen muss, zahlt darauf auch keine Einkommenssteuer. Und verkaufen muss er selten: Statt Aktien zu Geld zu machen, kann er sie als Sicherheit hinterlegen und sich zu tiefen Zinsen Geld leihen, um seinen Konsum zu finanzieren. Das Vermögen bleibt unangetastet und wächst weiter.

Gabriel Zucman hat das systematisch nachgerechnet. Bezogen auf ihr Vermögen zahlen die Milliardäre weltweit effektiv nur rund 0,5 Prozent an Steuern, in Frankreich waren es 2016 gar nur 0,005 Prozent. Das ist ein Bruchteil dessen, was bei normalen Sätzen anfiele, und liegt daran, dass ihr riesiges reales Einkommen, der jährliche Vermögenszuwachs, von der Einkommenssteuer gar nicht erfasst wird.

Wie lange du dafür arbeitest

Der Unterschied wird greifbar, wenn man fragt, wie schnell die jährliche Steuer aus dem mühelosen Vermögenseinkommen wieder hereinkommt. Ein Milliardär hat die ganze 2-Prozent-Mindeststeuer allein aus seinem realen Vermögenszuwachs in rund 103 Tagen wieder verdient. Ein Schweizer Arbeiterhaushalt müsste dieselbe Last, gemessen an seinem passiven Vermögenseinkommen, über rund vier Jahre abtragen; aus dem Arbeitslohn wäre die Summe in etwa 37 Tagen verdient.

In der Schweiz mildert die Vermögenssteuer das Bild etwas ab, ganz verschwindet die Lücke aber nicht. Eine Vergleichsstudie kommt für Schweizer Milliardäre auf eine effektive Last von rund 32 Prozent ihres Einkommens und für Multimillionäre auf rund 19 Prozent, wobei die 32 Prozent bereits die Gewinnsteuern ihrer Unternehmen enthalten. Die reine Steuer der Person liegt tiefer. Die ausführliche Rechnung steht im Abschnitt zur Zucman-Steuer.

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Die Wirtschaft

Warum Ungleichheit die Wirtschaft abwürgt

Eine Wirtschaft lebt davon, dass Menschen Geld ausgeben. Wenn das Vermögen sich an einer Spitze sammelt, die gar nicht mehr ausgeben kann, fehlt unten die Nachfrage. Die Wirtschaft kommt ins Stocken.

Der entscheidende Unterschied zwischen einem normalen und einem sehr grossen Vermögen ist, was damit geschieht. Gibst du hundert Franken mehr aus, landen sie sofort wieder in der Wirtschaft, beim Bäcker, beim Coiffeur, im Restaurant. Bekommt ein Milliardär hundert Millionen mehr, werden sie nicht ausgegeben, sondern angelegt.

Diese Beobachtung machte Gary Stevenson während der Finanzkrise zu seiner erfolgreichsten Wette. Er ging davon aus, dass die Zinsen nicht steigen würden, weil die Ungleichheit die Nachfrage dämpft. Den Reichen fehlt nichts, und den anderen fehlt das Geld zum Ausgeben. Er behielt recht und wurde damit zum profitabelsten Händler seiner Bank.

Der Teufelskreis

Weil unten die Kaufkraft fehlt, sinken Umsätze und Einkommen. Haushalte zehren von Ersparnissen und verkaufen, was sie besitzen, an jene, die kaufen können. Damit wandert noch mehr Vermögen nach oben, die Nachfrage sinkt weiter, und die nächste Runde beginnt. Aus einem Ungleichgewicht wird eine Abwärtsspirale.

Seit 1995 wuchs das Vermögen der Reichsten jährlich um 6 bis 9 Prozent, der weltweite Durchschnitt nur um 3,2 Prozent. Dieser Abstand misst, wie viel Kaufkraft sich nach oben verschiebt. Das viel beschworene Durchsickern nach unten findet nicht statt: Geld, das oben angelegt statt unten ausgegeben wird, schafft keine zusätzliche Nachfrage, sondern treibt nur die Preise der Vermögenswerte. Die Realwirtschaft, in der gearbeitet und konsumiert wird, hungert derweil aus.

Eine Steuer auf sehr grosse Vermögen ist aus dieser Sicht kein Eingriff gegen die Wirtschaft, sondern für sie. Sie holt Geld dorthin zurück, wo es wieder ausgegeben wird, und stabilisiert die Nachfrage, von der am Ende auch die Unternehmen leben.

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Die Lösung

Warum eine Vermögenssteuer fair ist und der Wirtschaft hilft

Wenn das Vermögen an der Spitze schneller wächst als alles andere, muss man genau dort ansetzen. Eine verpflichtende Mindeststeuer auf sehr grosse Vermögen ist machbar, fair und gut für Wirtschaft und Innovation.

Gabriel Zucman hat im Auftrag der G20 ein Modell vorgelegt, das bewusst einfach ist: eine Mindeststeuer von 2 Prozent pro Jahr auf Vermögen über einer sehr hohen Schwelle. Wer über andere Steuern bereits auf diese Höhe kommt, zahlt nichts zusätzlich. Wer wie heute fast nichts zahlt, stockt bis zu den 2 Prozent auf.

Der erste Einwand lautet immer, die Reichen zögen einfach weg. Zucmans Antwort ist Koordination. Genau dasselbe Argument galt für Konzerne, bis über 130 Staaten eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent vereinbart haben. Machen genug grosse Volkswirtschaften mit, gibt es kein lohnendes Ziel mehr für die Flucht. Weltweit brächte die Steuer rund 200 bis 250 Milliarden US-Dollar pro Jahr ein, allein von den rund 3000 Dollar-Milliardären.

Warum das fair ist

Fair ist die Steuer, weil sie die Steuerprogression überhaupt erst greifen lässt. Heute zahlen die Vermögenden auf ihr reales Einkommen, also auf ihren jährlichen Vermögenszuwachs, einen viel tieferen Anteil als arbeitende Menschen. Das System ist an der Spitze auf den Kopf gestellt, denn wer am meisten hat, zahlt anteilig am wenigsten. Die Mindeststeuer macht die Vermögenden also nicht einmal zu Mehrzahlern, sie sorgt nur dafür, dass auch für sie gilt, was für dich längst gilt: dass mit steigendem Einkommen auch der Steueranteil steigt.

Eine Mehrbelastung im eigentlichen Sinn ist das ohnehin nicht. Bei einer realen Rendite von rund 7 Prozent ist die ganze Steuer in gut hundert Tagen wieder verdient. Das Vermögen schrumpft nicht, es wächst nur etwas langsamer.

Warum das gut für die Wirtschaft ist

Eine solche Steuer holt Geld aus dem unproduktiven Aufkauf von Vermögenswerten zurück in Kreisläufe, in denen es wirkt: in Bildung, Infrastruktur und Kaufkraft. Innovation entsteht nicht dadurch, dass einige wenige Bestände horten, sondern dadurch, dass viele Menschen Ausbildung, Chancen und Nachfrage haben. Ein Land, das in seine Breite investiert, ist erfinderischer als eines, in dem das Kapital an der Spitze erstarrt.

Für die Schweiz wären je nach Ausgestaltung erhebliche Zusatzeinnahmen drin. Im Rechner kannst du selbst durchspielen, was verschiedene Sätze einbringen, und das Wegzug-Argument konkret durchrechnen.

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Was Gary und Zucman sonst noch erklären

Die beiden Stimmen hinter diesen Artikeln, der Ökonom Gabriel Zucman und der frühere Händler Gary Stevenson, haben weit mehr ausgearbeitet, als auf eine Seite passt. Ein kurzer Überblick und der Weg zu den Quellen.

Gabriel Zucman: das versteckte Vermögen

Zucman wurde bekannt mit der Vermessung dessen, was bisher unsichtbar war. Er schätzte, wie viel Vermögen in Steueroasen liegt und der Allgemeinheit entzogen wird. Daraus folgt seine zweite grosse Arbeit: dass moderne Staaten das technische Werkzeug haben, um auch sehr mobile Vermögen zu erfassen, wenn sie zusammenarbeiten.

Seine Diagnose formuliert er nüchtern. Das Steuersystem ist an der Spitze regressiv geworden, und das lässt sich beheben. Den Moment dafür hält er für gekommen. Die Zucman-Steuer im Detail steht im Abschnitt zu den Modellen.

Wir stehen am Wendepunkt.

Gabriel Zucman

Gary Stevenson: Ungleichheit verständlich gemacht

Stevenson kommt nicht aus der Wissenschaft, sondern aus dem Handelssaal. Er erklärt auf seinem Kanal Gary’s Economics in einfacher Sprache, wie tiefe Zinsen Vermögensbesitzern nützen, warum die Mittelschicht schrumpft und weshalb gewöhnliche Erklärungen der Wirtschaftslage an der Ungleichheit vorbeigehen. Seine Botschaft an die arbeitende Bevölkerung ist unbequem: Ohne Gegensteuer werden eure Kinder ärmer sein als ihr.

Beide kommen aus unterschiedlichen Richtungen zum selben Schluss. Die Konzentration des Vermögens ist nicht Folge persönlicher Leistung allein, sondern eines Mechanismus, der sich selbst verstärkt, und die wirksamste Antwort ist eine verpflichtende Steuer auf sehr grosse Vermögen.

Alle Zahlen dieser Seite sind belegt und nachvollziehbar. Die vollständige Quellenliste führt jede Aussage auf ihren Ursprung zurück.

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